Die Freitagspost: Ich empöre mich darüber, dass insgesamt über 600.000 Menschen in Deutschland wohnungslos sind

Woche für Woche

Über was empören wir uns? Gestern habe ich mit diesem Satz meine Rede zum Tag der Wohnungslosen im Achtergrund eröffnet. Mir liegt dieser Tag sehr am Herzen und ich bin froh, dass unser Hockenheimer DRK hierzu ein Grillfest macht.

Ich nutze einfach die Freitagspost diese Woche, um Ihnen und Euch meine Rede zu schicken. Über Rückmeldungen freue ich mich wie immer.

Meine Damen und Herren,

über was empören wir uns? Wo wird unser Aufschrei verlangt?

Es gibt dafür viele Gelegenheiten – im Netz rund um die Uhr. Sie können sich über alles empören. Sie können ohne Probleme einen Shitstorm auslösen, sich an einem beteiligen und einen verstärken.

Es gibt gute Gründe sich zu empören, es gibt Gründe aufzuschreien:

Ich empöre mich darüber, dass insgesamt über 600.000 Menschen in Deutschland wohnungslos sind.

Ich empöre mich über die Strukturen, die Wohnungslosigkeit verursachen.

Denn Wohnungslosigkeit ist kein Einzelversagen – Wohnungslosigkeit ist ein gesellschaftliches und politisches Versagen.

Wir müssen Wohnungslosigkeit überwinden. Weil sie kein Klischee, keine romantische Geschichte ist – sondern sie widerspricht unserem Anspruch auf Würde, auf Teilhabe und auf Gerechtigkeit.

Und: Wohnungslosigkeit ist gefährlich.

Als ich im letzten Winter mit den Maltesern Getränke und warmes Essen am Heidelberger Hauptbahnhof verteilte, da waren das für mich mit die lehrreichsten Stunden meiner gesamten Zeit in der Politik.

So viele gute Gespräche über Sorgen und Hoffnungen, Scheitern und Aufbruch, Fragen an einen selbst und an das System. Und dann war die eine Frage, die mir gestellt wurde, die mich nicht mehr loslässt.

Die Frage, ob ich wüsste, warum man als Obdachloser den Reißverschluss seines Schlafsacks nicht zumachen würde? Ich wusste die Antwort nicht. Nein, ganz ehrlich: ich hatte mich noch nie damit beschäftigt.

Die Antwort ist: Man lässt den Reißverschluss auf, weil man bei einem geschlossenen Schlafsack nicht mehr rauskommt, wenn er angezündet wird.

Ja, empören wir uns: Es gibt grausamste Gewalt gegen Obdachlose.

Gewalttaten gegen obdachlose Menschen sind erschreckender Alltag. Laut aktueller Polizeistatistik wurden 2024 2.194 Straftaten im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit erfasst – so viele wie nie zuvor. Die Zahl hat sich seit 2011 mehr als verdreifacht wie Hinz&Kunzt berechnet. Und die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Bedrohungen, Demütigungen, Erpressung, Schläge, Tritte, Vergewaltigung, Folter, Mord und immer wieder die eben erwähnten Brandanschläge im Schlaf.

Also empören wir uns. Und zwar so wie wir das als Demokratinnen und Demokraten können:

  • Indem wir solidarisch sind. So wie es die Stadt Hockenheim war, als sie diesen wichtigen Hilfspunkt hier geschaffen hat.
  • Indem wir engagiert sind. So wie das DRK, wenn es hier immer wieder Brücken baut und konkret hilft.
  • Und indem wir dieses Land verbessern, denn wir müssen und können Wohnungslosigkeit überwinden:

Durch sozialen Wohnungsbau, durch gezielte Förderprogramme, durch einen besseren Mieterschutz und eine gemeinwohlorientierte Sozial- und Mietpolitik. Durch eine Politik, die Renten absichert, die Lohn- und Unterhaltsansprüche absichert, in der der Sozialstaat für jeden greifbar ist, die einen konsequenten Housing-First-Ansatz fährt und in der man nicht den Anschluss an die Gesundheitsversorgung verlieren kann und in der es immer absolut immer und ausnahmslos eine zweite und eine dritte und eine vierte Chance gibt. Und angesichts von 137.000 wohnungslosen Kindern in Notunterkünften: In der es auch eine erste Chance gibt.

All das können wir schaffen. Weil wir in der Demokratie bestimmen, was uns wichtig ist. Weil wir bestimmen, worüber wir uns wirklich empören. Weil wir bestimmen, wofür wir unsere Stimme erheben.

Ich bin überzeugt: Wenn wir dafür arbeiten, dass niemand in unserem Land auf der Straße leben muss, „Couching“ machen muss, Angst vor Wohnungslosigkeit haben muss, dann haben wir uns über das richtige empört, dann haben wir unsere Stimme für das richtige erhoben, dann haben wir als Demokraten das Land besser gemacht.

Foto der Woche

Ich feiere die SPD Neulußheim und liebe ihr Sommerfest. Mit guten Gesprächen, schöner Stimmung und besten Dampfnudeln mit Kartoffelsuppe oder Vanillesauce. Und den unfassbar leckeren Kuchen. Das lasse ich mir in keinem Jahr entgehen. (Bild: R. Hettwer)

 

Homepage Daniel Born MdL